Brief an einen Freund
Lieber Milan,
ich weiß, dass du keinen großen Wert darauf legst, ob dieser Brief in korrekter Rechtschreibung verfasst ist. Deshalb schreibe ich ihn so, wie ich dir auch all das gesagt hätte, was jetzt noch kommt.
Es tut mir sehr weh, wie alles gekommen ist. Aber ich hoffe, dass es dir jetzt besser geht, wo auch immer du gerade bist. Ich bin sehr traurig, dass wir nicht mehr Zeit miteinander verbracht haben, und gleichzeitig froh, dass ich dich noch einmal sehen durfte.
Paul hat inzwischen unzählige Male am Telefon gesagt, es sei ein würdiger Abschluss gewesen. Ich sehe das ganz anders. Trotzdem bin ich froh, noch eine letzte Erinnerung an dich zu haben. Ich habe dich wie einen Freund geliebt, und genauso werde ich nun um dich trauern.
Es ist bitter, dass wir nicht schon früher mehr Kontakt hatten. Aber letztlich trauere ich nicht um die Zeit, die wir nicht miteinander verbracht haben. Ich bin froh, dass ich einen Menschen wie dich kennenlernen durfte. Du hast mir gezeigt, dass Freundschaft unabhängig vom Alter funktionieren kann.
Auch wenn wir nicht dieselben Interessen hatten, habe ich dich sehr geschätzt. Du hattest eine besondere Gabe, die Dinge positiv zu sehen. Selbst als alles gegen dich zu spielen schien, hast du versucht, positiv zu bleiben. Und glaub mir: Viele Menschen könnten sich eine riesige Scheibe von deinem Lebensgeist abschneiden.
Ich empfinde es als unglaublich unfair, dass Menschen mit einer so großen Lebensfreude manchmal früher gehen müssen als Menschen, die kaum noch Lebenslust haben. Aber diese Entscheidung liegt nicht in unserer Hand.
Ich wünsche mir, dass wir uns irgendwann auf irgendeine Art wiedersehen. Ich werde dich nie vergessen, Milan. Glaub mir das. Du hast mir sehr viel bedeutet.
Wenn es doch nur mehr Menschen wie dich gäbe. Die Welt wäre wesentlich lebenswerter.
Ich werde meinen Weg weitergehen. Ich weiß, dass du mich nicht mehr unterstützen kannst. Aber ich gehe ihn in dem Bewusstsein, dass du es tun würdest, wenn du noch da wärst. Allein das gibt mir genug Kraft, ihn durchzuziehen. Ich werde nicht scheitern. Und einen wesentlichen Teil dieser tiefen Gewissheit verdanke ich dir und den anderen Menschen, von denen ich weiß, wie sie zu mir standen.
Milan, ich hoffe, du kannst das hier lesen. Und ich bete, dass wir uns irgendwann wiedersehen und das alles auf irgendeine Weise einen Sinn ergibt, auch wenn ich ihn im Moment noch nicht erkennen kann.
Ich hoffe, dass ich deiner Familie irgendwann noch einmal einen Gefallen tun kann. Aber das bleibt abzuwarten.
Milan, vielen Dank für alles. Bis bald!
Ein Freund
Sprachlich behutsam überarbeitete Fassung eines Briefes aus den 2000er-Jahren. Die Namen wurden durch Pseudonyme ersetzt; die Unterschrift wurde anonymisiert.